Freiwillig sozial?!

7 Uhr Morgens: Soeben im Eiltempo 30 Gedecke für das morgendliche Frühstück platziert, kontrolliere ich nochmals penibel genau die Verteilung der Diabetiker-Marmelade, fülle Teekrüge nach und achte darauf, dass meine Kolleginnen zum Ausspeisen Löffel, Trenzpatterl und einen zusätzlichen Sessel vorfinden. Kurz darauf rege Betriebsamkeit: Pflegehelferinnen geleiten gebrechliche Personen zu Tisch, erste Unmutsäußerungen über das möglicherweise nicht im rechten Winkel zur Tischkante positionierte Besteck. Dann: Einheitsverpflegung in Form von Striezel, Brot, Semmel mit wahlweise Kaffee oder Tee.

Was für viele alte, hilflose und von ihren Familien oft allein gelassenen Menschen die Endstation eines mehr oder minder erfüllten Lebens darstellte, war auch für mich ein Jahr lang Alltag: Zivildienst im Landespensionisten und -pflegeheim Mistelbach – mein Ersatz für den verwehrten Dienst an der Waffe. „Weichei“, „Schwuchtel“ oder „Vaterlandsverräter“ waren noch die freundlicheren Bezeichnungen meiner Wahl – ich tat es zuerst vorrangig um das Bundesheer zu meiden. Und schied nach einem Jahr mit der Überzeugung das absolut Richtige getan zu haben wieder aus.

Folgende Zeilen sollen kein Erlebnisbericht eines bewegten Jahres sein, sondern viel mehr ein Plädoyer für den verpflichtenden Zivildienst.

Ein fixer Bestandteil im Leben alter Menschen zu sein, bedeutet Verantwortung, denn: Keine Altersgruppe sehnt sich so sehr nach Beständigkeit in den alltäglichen Abläufen. In Zimmer 13 die von der hauseigenen Putzerei geholte Unterwäsche bitte immer aufs Bett statt direkt in den Kasten, drei Zimmer weiter die Vorhänge nach dem Lüften nur halb zuziehen. Klopapier in einem der letzten Zimmer beim beinamputierten Rollstuhlfahrer stets in Griffhöhe, die Bettdecke der alten, schrulligen, schwerst übergewichtigen Dame halb zurückschlagen – andernfalls würde der Gang ins Bett einer nicht ertragbaren Tortur gleichen.

Ich tat in 12 langen Monaten mein Bestes, um einerseits nicht nur angestelltes Personal zu unterstützen, sondern auch den Bewohnern einen spürbaren Mehrwert ihres Lebens zu gewähren. Begleitung zum Zahnarzt, Abholen von Medikamenten oder auch ein belangloses Bummerl mit einem weinaffinen 97-Jährigen (der mich übrigens in geschätzten 9 von 10 Fällen spielerisch beim Schnapsen demolierte).

So wie ich taten es tausende andere. Ob in Pflegeheimen, Rettungsorganisationen, Betreuungseinrichtungen oder anderen sozialen Institutionen. Zu meiner Zeit noch etwas weniger, waren es 2011 laut Angaben des zuständigen Bundesministeriums für Inneres knapp über 13.500 junge Männer. Eine Menge, ohne jener der Erhalt gewisser sozialen Dienste – so hört man immer wieder von offiziellen Stellen – nicht mehr gewährleistet sein könnte.

Außerdem: Ein für die Entwicklung heranreifender Erwachsener (so zumindest für mich im Nachhinein gesehen) wertvoller Beitrag zu sozialem Verständnis und persönlicher Reife.

Das alles könnte bald Geschichte sein, denn mit dem Ende der Wehrpflicht würde unweigerlich das Ende des Zivildienstes einher gehen. „Einführung eines Berufsheeres und eines bezahlten freiwilligen Sozialjahres“ oder „Beibehaltung der Wehrpflicht und des Zivildienstes“ wird die Frage lauten, über welche Österreich am 20. Jänner 2013 ihre Meinung abgeben wird.

Gemäß dem Falle, ein Berufsheer würde die Wehrpflicht ersetzen, wage ich stark zu bezweifeln, dass sich Tausende Freiwillige finden, die den Zivildienst zahlenmäßig adäquat ersetzen können. Zudem konnte noch keiner glaubhaft vorrechnen, wie man diese entlohnen würde. Und für ein finanzielles Butterbrot lasten sich wohl wenige freiwillig die Bürde eines Sozialdienstes auf.

Ja, auch für mich war ein Jahr mit weniger als 300€ im Monat hart. Aber ich wusste, dass es sämtliche Gleichaltrigen zumindest nicht einfacher hatten – die Einen beim Bundesheer, die Anderen beim Zivildienst. Wir waren alle gleich benachteiligt. Aber: Es leistete jeder in dem Ausmaß und in der Position, die er für vernünftig hielt, einen Beitrag zur Gesellschaft.

Das könnte bald passé sein. Keine Frage, um einen Frühstückstisch zu decken oder Rollstühle zu chauffieren bedarf es keiner Zivis. Aber alten Menschen ein anderes Gefühl von Lebensfreude durch die bloße Anwesenheit eines jungen Menschen zu geben, macht Sinn. Und Bewusstsein in den Köpfen junger Menschen für Andere – welche den Großteil ihres Lebens schon weit hinter sich haben, krank, gebrechlich und auf die Hilfe anderer angewiesen sind – zu schaffen, kann doch auch kein Nachteil sein.

Vielleicht wäre all das das ein verpflichtender, aber sinnvoller Beitrag von uns allen für eine gemeinsame, statt einsame Gesellschaft…

5 Kommentare

Eingeordnet unter Gesellschaft & Soziales

5 Antworten zu “Freiwillig sozial?!

  1. bcapek

    Danke. Ich gebe dir wirklich recht, der Zivildienst prägt einem in den jungen Jahren doch sehr. Freiwillig hätte ich ihn jedoch – auch im Nachhinein betrachted – aber nicht gemacht.

    Was mich jedoch am meisten wundert, ist das Auslassen einer wichtigen Komponente aus der ganzen Diskussion.

    Nirgends wird davon gesprochen, Mädchen bzw. junge Frauen ebenfalls für den sozialen Dienst oder auch für den Dienst an der Waffe zuzulassen bzw. zu verpflichten.

    So sehe ich den verpflichtenden Wehrdienst oder Zivildienst nur für Männer als nicht mehr zeitgerecht an.
    Deine Argumente – und ich kann nur nochmals sagen, dass ich voll und ganz zustimme – würden nämlich auch auf die weibliche Bevölkerung zutreffen.

    Aber nochmals, Gratulation zu diesem Beitrag.

    • hofaj

      dankeschön. der einwand mit der gleichberechtigung kam auch schon bei privaten diskussionen.
      ich spreche es hier nicht dezitiert an – schließe es aber auch nicht aus. vorrangig ging’s mir mal darum, die wichtigkeit des zivildienstes zu betonen.

  2. Pingback: Bundesheer oder nicht? Gute Frage. Antworten gibt’s hier aber keine. | Kramure

  3. evi

    Hallo Jürgen, schön geschrieben- die Frage der Volksbefragung ist für mich nicht beantwortbar, da ich den Zivildienst für sehr wichtig (auch für Frauen, weil wenn Gleichberechtigung, dann richtig und die von Dir erwähnten Vorteile sollten allen zuteil werden dürfen! ;->) halte, das Bundesheer allerdings für verzichtbar. Allerdings stelle ich mir die Frage, ob alle jungen Menschen in Österreich die Sozialkompetenz haben, um auf hilfsbedürftige Menschen losgelassen werden zu können – und ein Eignungstest, ob man in der KH-Wäscherei landet oder ins Pflegeheim „darf“, wird wahrscheinlich als diskriminierend angesehen werden…
    lg, evi

  4. Pingback: Das österreichische Zivildienstmärchen | Outdooronkel

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